Filigrane Arbeit für exakte Kopien

Okt 11, 2010 von

Filigrane Arbeit für exakte Kopien

Nun sind sie schon ein Jahr lang zu Gast in Altenburg, die fünf Skulpturen des Bildhauers Johann Friedrich Sommer. In der Werkstatt von Restaurator Eckehardt Schaper wurden die fünf Tugenden in Gestalt von fünf opulenten Frauen gereinigt und gefestigt, es wurden Risse geschlossen und ganz vereinzelt auch kleine Fehlstellen ergänzt. Nun teilte Schaper die Herausforderungen dieser Arbeit, die man „so vielleicht nur ein-, zweimal in seiner Laufbahn hat“, mit Teilnehmern des Görlitzer Fortbildungszentrums, das zu der Deutschen Stiftung Denkmalpflege gehört.

Im Herbst sollen sie reisefertig sein für die Überführung an ihren neuen Standort in Marburg, doch zuvor muss in der Werkstatt an der Schwalm noch der zweite Teil des Auftrags erledigt werden. Die Besitzer der Skulpturen nämlich, die Familie von Knoblauch zu Hatzbach, die die fünf Tugenden der Stadt Marburg überlassen hat, bekommen Kopien davon – in Originalgröße. Und so ist Eckehardt Schaper gemeinsam mit seinen Mitarbeitern nun damit beschäftigt, Formen herzustellen, in die später eine Füllmasse aus Sandsteinersatzmörtel gegossen werden soll, aus der die Duplikate entstehen. Dies ist ein handwerklich sehr anspruchsvolles Verfahren, wie Schaper erläutert: „Es ist von Anfang bis Ende ein sehr penibles Arbeiten.“ Fehler, so der Experte, könne man sich da nicht erlauben. Umso wichtiger erachtet er es, dieses Können auch an die Nachwuchsrestauratoren weiterzugeben.

In einigen Projekten hat Schaper schon mit den Görlitzern zusammengearbeitet, darüber hinaus ist er dort auch als Dozent tätig. So war es nur ein kurzer Weg, der ihn zu Markus Kepstein führte. Der Beauftragte für Weiterbildung der Handwerker war mit acht Teilnehmern und zwei Dozenten eine Woche lang in Altenburg zu Gast. „Die Fortbildung in unserem gemeinnützigen Verein dauert etwa sechs Monate und umfasst mehrere Module“, erläutert Kepstein, „die wir immer sehr gerne an einem Objekt aus der Praxis erarbeiten.“ Das Modul „Abformung“ nun an den „Fünf Tugenden“, die da sind: Hoffnung, Glaube, Gerechtigkeit, Mäßigkeit und die Hauptfigur, die Liebe, in Altenburg zu praktizieren, bedeutet für ihn und seine Schüler einen absoluten Glücksfall und eine außergewöhnliche Herausforderung. „Jeder Teilnehmer kann dabei an jedem einzelnen Arbeitsschritt seine Erfahrungen, Kenntnisse und Fertigkeiten erweitern“, erklärt Schaper den täglichen Ablauf während der Arbeitswoche in seiner Werkstatt.

Die einzelnen Arbeitsschritte, über denen selbstverständlich der Restaurator und seine Mitarbeiter sowie die Dozenten wachen, das ist zunächst das Aufteilen der etwa zwei Meter hohen Skulpturen in einzelne Bereiche. „Zu erkennen, wie man die Figuren, die aufgrund ihrer barocken Formen und der filigranen Ausarbeitung äußerst anspruchsvoll sind, am besten aufteilt, damit man zum einen die Stützformen gut ablösen und beim Abguss wieder passgenau zusammensetzen kann und zum anderen jede noch so kleine Falte und Fußzehe später mit der Füllmasse erreicht, verlangt viel Umsicht und Vorausschau“, verdeutlicht Heinrich Göbel. Der Stuckateur aus Ehringshausen arbeitet als freier Dozent an dem Görlitzer Fortbildungszentrum für Handwerk und Denkmalpflege und betreut die Auszubildenden während ihres Lernens in Görlitz und diese Woche in Altenburg.

Nachdem die Aufteilung der Figuren feststeht, werden sie zunächst mit einer dünnen Silikonschicht überzogen, die die Figur in aufgeteilten Segmenten bedeckt. Danach werden zwei weitere Silikonschichten aufgetragen, bis eine etwa ein Zentimeter dicke, elastische Haut entsteht. Diese wiederum wird durch Stützformen gehalten. Vielfach bestehen diese Stützformen aus Gips, doch für die gewaltigen Tugenden werden sie aus einem Kunstharz-Laminat-Gemisch gefertigt, da Stützgipskappen für diesen Zweck viel zu schwer würden. Das flüssige Vergussmaterial ist ein speziell für diese Figuren rezeptierter Sandsteinersatzmörtel auf mineralischer Basis; die rotbraune Färbung erreicht man durch eine genau austarierte Mischung verschieden farbiger Sande, die Schaper entwickelt hat.

Die Schüler, die aus dem ganzen Bundesgebiet und in diesem Fall sogar aus der Schweiz angereist sind, sind sich darüber bewusst, welch großartige Möglichkeit sich hier gerade in ihrer Fortbildung bietet: „Der ganze Kurs ist Schaper unheimlich dankbar, dass er sich dem Nachwuchs so sehr verpflichtet fühlt und uns so eine tolle Gelegenheit gibt, an Originalobjekten zu lernen“, erklärt Kersten Borchert aus Berlin stellvertretend für seine Handwerkskollegen.

Neben der schon völlig eingepackten „Mäßigung“ machen er und seine Kollegen sich nun an der „Hoffnung“ zu schaffen. Da wird millimetergenau gespachtelt, denn es muss nicht nur die Abformung gelingen, auch der Figur selbst darf natürlich kein Leid geschehen. „In der Ruhe liegt die Kraft“, lacht Schaper.

Doch bei all der Freude über die – hoffentlich – gelungene Arbeit am Ende dieser arbeitsreichen Monate mischen sich auch ernste Gedanken unter die Restauratoren: Was ist ein Original noch wert, wenn es beliebig oft vervielfältigt werden kann? Um zu vermeiden, dass von den „Fünf Tugenden“ am Ende noch zig weitere Ausgaben im Internet ersteigert werden können, muss nach dem Abguss sehr sorgsam mit den Formen umgegangen werden. Vermutlich, so Schaper, gehen sie mit nach Marburg, dorthin, wo die Originale stehen. In Görlitz, so Markus Kepstein, habe man auch schon Formen nach getaner Arbeit vor Zeugen vernichtet. Doch so weit ist es in Altenburg noch lange nicht. Am Freitag waren die ersten Formen schließlich so weit, dass man sie von den Skulpturen wieder ablösen konnte – diesen spannenden Moment haben sich die angehenden Restauratoren genauso wenig wie die alten Hasen entgehen lassen.

03.03.2012 - Altenburg (Hessen) - Bericht von Gertraude Schlitt – Oberhessische Zeitung

Verwandte Artikel

Tags

Share